„Sein Tod trifft uns in einem gefährlichen Moment. Aber wir müssen mit Gegenproduktion und Hoffnungsfreude darauf antworten.“ war Alexander Kluges „Kurznachruf“ in der FAZ zu Jürgen Habermas betitelt. Nur wenige Tage später lassen sich diese Worte auch auf ihn übertragen. Wie der fast gleichaltrige und mit ihm befreundete Habermas stand Alexander Kluge ganz in der Tradition der Aufklärung im Geiste der in Frankfurt verwurzelten Kritischen Theorie. Beide zählten zu deren zweiten Generation, die das Erbe von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer philosophisch und soziologisch weiterentwickelten.
Über mehr als 60 Jahre erstreckt sich Kluges literarisches und filmisches Schaffen, dessen Umfang schier unendlich erscheint und sich kaum kategorisieren oder in Worten zusammenfassen lässt. Er war ein Erzähler, dessen Geschichten geprägt sind von Bezügen zur Philosophie, zu verschiedenen Kunstgattungen und zur gesamten Menschheitsgeschichte. Auf assoziative Weise erschuf und kombinierte er Bilder, die immer über sich hinausweisen.
Zusammen mit Edgar Reitz, Volker Schlöndorff und anderen gehört er zu den Vätern des „Jungen deutschen Films“, die in den 1960er-Jahren für den Aufbruch aus dem spröden Nachkriegskino sorgten. Besonders in Venedig war er ein gern gesehener Gast, für DIE ARTISTEN IN DER ZIRKUSKOPPEL – RATLOS erhielt er 1968 den Goldenen Löwen, ein weiterer folgte, ziemlich verfrüht, schon 1982 für sein Gesamtwerk. Neben seinen kleinen und großen Arbeiten für das Kino verstand er es auch, sich der neuen Medien zu bedienen, und war in unterschiedlichen Öffentlichkeiten präsent. Statt über die Gefahren des neu entstehenden Privatfernsehens zu klagen, sicherte sich der Jurist Kluge 1987 mit Gründung der Produktionsfirma dctp einen eigenen Kanal und bildete mit zahlreichen unabhängigen Beiträgen einen Gegenpol zu den auf leichte Unterhaltung setzenden Kommerzprogrammen. Zuletzt machte er sich auch die filmischen Optionen der KI zunutze und meinte: „Man muss die Vorzüge dieser Technik jetzt rechtzeitig nutzen, solange das Gerät noch irrtumsfähig bleibt.“,
Frankfurt war in mehrfacher Hinsicht einflussreich für ihn. Nach seinem Studium in Marburg und Frankfurt war er als junger Jurist am Institut für Sozialforschung tätig, 2009 wurde er in der Paulskirche mit dem Adornopreis ausgezeichnet und hielt eine lesenswerte Dankesrede (zu finden unter: https://kluge-alexander.de/die-aktualitaet-adornos-dankesrede-zur-verleihung-des-adorno-preises-2009), in der er auch auf die im Vergleich zu den anderen Künsten junge Geschichte des Films einging. In Frankfurt entstanden einige filmische Arbeiten, wie 1966 sein erster Langfilm ABSCHIED VON GESTERN oder 20 Jahre später DER ANGRIFF DER GEGENWART AUF DIE ÜBRIGE ZEIT.
Nachdem ihn das LICHTER Filmfest Frankfurt International vor zwei Jahren für einen Beitrag zum Thema Europa gewinnen konnte, hatte er für diesen November erneut eine Einladung nach Frankfurt erhalten und wäre ihr, zumindest digital, sicher gerne gefolgt. Ihm ist die vom Film- und Kinobüro Hessen und anderen organisierte dritte Ausgabe von FRANKFURT SCHAUT EINEN FILM gewidmet, die in seinem Fall besser „Frankfurt schaut einen Filmemacher“ heißen müsste. Im Zentrum stehen ausgewählte seiner zwischen 1966 und 1986 in der hessischen Metropole entstandenen Filme. Bei den Veranstaltungen wird es darum gehen, seine Sichtweise auf die politischen, sozialen und kulturellen Umbrüche näher zu beleuchten. Die Auseinandersetzung mit seinen Texten und seiner Bildsprache wird an Relevanz nicht verlieren, auch wenn sie nun leider ohne ihn stattfinden muss.
Zitieren wir noch einmal aus Kluges Habermas-Nachruf, in dem er angesichts des bedrohlichen Zustands der Welt an unseren Widerstandsgeist appelliert, was nun umso mehr gilt, nachdem er seinem Freund gefolgt ist: „Der Tod von Jürgen Habermas trifft mich in einer Zeit, in der wir ihn mehr als je bräuchten in all seinen aktiven Jahren. Seine Formel ‚die Unheimlichkeit der Zeit‘ war nie so deutlich lesbar wie in unserem Jahr. Wir leben in einer zerrissenen Welt. Unter dem Namen Dark Enlightenment sammelt sich im Osten der USA dunkle Spiritualität. Habermas hat immer gesagt: Das müssen wir beantworten. Die Theorie und Philosophie m[üssen] in ihre Werkstätten zurück.“
von Erwin Heberling
Foto: ©Markus Kirchgessner